Zwischenruf - Montag, 23.06.2014

Die Amazone meldet sich zu Wort:

Antje und Ingo schreiben an dieser Stelle ja ziemlich regelmäßig - und werden es wohl auch weiterhin tun - aber jetzt bin ich auch mal dran! Schließlich wären die beiden jetzt nicht hier, wenn es mich nicht gäbe!

Alles fing eigentlich ganz harmlos an. Im Herbst ging es mit den anderen Booten aus dem kalten Wasser in die trockene, gemütliche Halle. Von einem Winterschlaf träume ich aber schon lange nicht mehr - bin ich doch jedes Jahr an manchen Winterwochenenden die einzige in unserer Halle, an der gewerkelt wird. Na ja, ich werde nicht jünger, da müssen Schönheitsreparaturen schon sein, und auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben, hat ja auch etwas für sich.

Aber im letzten Herbst kam Antje dann mit diesem fremden Mann an Bord. Er hatte Papiere bei sich und eine Taschenlampe. Er hat viele Fragen gestellt, sich viele Notizen gemacht und sich durchaus positiv über meine solide Bauweise geäußert. Das hat mir geschmeichelt, und ich dachte gleich, der Mann kennt sich aus. Es war mir dann aber doch etwas peinlich, dass er in meine intimsten Winkel gekrochen und alles beleuchtet hat. Ich habe nichts zu verbergen, das möchte ich hier ganz klar sagen. Aber trotzdem, so mir nichts dir nichts in meine Privatsphäre einzudringen, passte mir nicht.

Jedenfalls machte Antje einen ganz gelassenen Eindruck, und nach ein paar Stunden, war das ganze überstanden. Ich hätte es vielleicht auch schon vergessen, aber im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass das irgendwie der Beginn einer ganz besonderen Sache war!

Die Wintermonate gingen ins Land, das Frühjahr kam, und Ingo hat munter an mir herumgeschraubt, gebohrt und leider - das muss ich hier mal loswerden -  haben Antje und Ingo eine unendlich hässliche, große Gerätschaft an meinem schönen, kleinen Heck angebaut! Mag ja nützlich sein, aber begeistert bin ich nicht! Um so größer war die Begeisterung bei den beiden, als sie ihre Schandtat am Ende des Tages betrachteten.

Aber diese Gerätschaft war nur der Auftakt zu weiteren Gemeinheiten:  Die beiden haben doch tatsächlich die Frechheit besessen, an meinem kleinen Heck jeweils an Backbord und Steuerbord ein oberhässliches  Metallrohr anzudengeln. Tut mir leid, dass ich das hier so offen sage, aber so sehe ich es nun mal. Inzwischen weiß ich auch, wozu diese Rohre eigentlich gut sein sollen: an dem einen Rohr haben sie eine kleine Windmühle angebracht, sieht ganz lustig aus. Aber an dem anderen Rohr haben sie eine Art Kugel befestigt. Soll wohl so etwas wie eine Antenne sein, na ja. Neumodischer Kram, wenn ihr mich fragt.

Als ich dann im April  wieder im Wasser war, ging es mit den Merkwürdigkeiten weiter. Normalerweise putzt Antje mich fein heraus, und dann bringen sie die Polster, Betten, Lebensmittel und die eine oder andere Flasche Schnaps an Bord und los geht die Saison. Aber in diesem Frühjahr? Weit gefehlt! Endlos lange war bei mir im Salon alles heillos durcheinander. Nichts mit Polstern, nichts mit Betten, von Gardinen ganz zu schweigen. Ihr ahnt es vielleicht schon: Auch im Wasser hat Ingo fleißig weiter an mir gewerkelt, kilometerweise Kabel verlegt und weitere moderne Geräte eingebaut.

Aber dann kam endlich mal etwas an Bord, das ich richtig klasse finde - ein neues Großsegel! Unter uns gesagt, das wurde auch Zeit! Das vorherige Segel war zwar auch noch nicht alt, aber was für ein Lappen! 

Dann kamen noch sehr, sehr viele Dinge an Bord, zum Beispiel ein neuer Anker! Sieht gut aus, wie er da so am Bug hervorguckt. Zwar nicht so blank, wie sein Vorgänger, dieser Angeber aus Edelstahl, aber er soll mich noch besser am Grund halten. Mal sehen, ob er hält, was er verspricht!

Wie dem auch sei, an einem sonnigen Freitag im Juni kamen Antje und Ingo dann mit vielen Taschen an Bord, nachdem sie tags zuvor schon den halben Supermarkt leer gekauft haben mussten, so viele Lebensmittel, wie sie dann bei mir verstaut haben. Aha, dachte ich so bei mir, jetzt geht's ab in den Urlaub! Vier Wochen unterwegs, das wird herrlich!

Aber nein - etwas war wieder anders als sonst. Plötzlich kamen viele bekannte und auch wildfremde Menschen zu uns an Bord, guckten hier, staunten dort, stellten Fragen über Fragen, und es wurde viel gelacht und gescherzt. Was soll's, dachte ich, Besuch ist ja auch ganz nett. Beim Ablegen aus der Box haben sie dann alle gewunken. War das ein Gedränge auf dem Steg! Doch dann kam der Hammer: Beim Auslaufen aus Bremerhaven standen ziemlich viele Leute auf der Mole, winkten uns zu, tuteten, und es wurde sogar ein Lied für uns gespielt! Ingo hat mich extra eine Ehrenrunde drehen lassen. Das war eine Stimmung, sage ich euch. Wenn ich es gekonnt hätte, hätte ich eine Gänsehaut bekommen.

Und dann vor ein paar Tagen bin ich sogar in Leeuwarden in Holland bei der Fahrt durch eine der vielen Brücken fotografiert worden! Das kommt auch nicht so oft vor, dass am Ufer ein bekanntes Gesicht in einer wartenden Gruppe auftaucht, der Mensch uns fröhlich winkt, eine gute Reise wünscht und tolle Bilder von uns macht. Seht selbst:

Nun gut, das letzte Puzzleteil ist heute gefallen: Wir sind jetzt schon über zwei Wochen unterwegs, und vom Rückweg ist überhaupt noch keine Rede. Das ist doch sehr untypisch. Außerdem waren wir drei noch nie soweit südlich.

Ich sage Euch - da ist etwas ganz Großes im Gange! Und ich bin mittendrin und nicht nur dabei! Ihr könnt euch sicher sein, das war nicht mein letzter Zwischenruf.

Sonntag, 27.07.2014

Die Amazone meldet sich wieder  zu Wort:

Habe ich nicht gesagt , da ist etwas ganz Großes im Gange? Und, habe ich recht gehabt?  Winterlagerhalle fällt für mich in diesem Jahr jedenfalls aus - repariert und geschraubt wird jetzt im Schweiße des Angesichts unter der Sonne Frankreichs und den Palmen Spaniens und wer weiß noch wo.

Das hier ist mein zweiter Frühling - mindestens -  und bis jetzt ist es der beste! Andere werden aufs Altenteil  geschoben, und ich - ich starte nochmal richtig durch.

Helgoland war der letzte bekannte Hafen, den wir angelaufen haben.  In Scheveningen hatten wir leider keinen so besonders guten Liegeplatz. Wir lagen im Päckchen und unser Nachbar hat dauernd Besuch bekommen, war das ein Kommen und Gehen - immer über mein Kajütsdach. Da hättet ihr die beiden mal erleben sollen, mehr oder weniger freundlich aber bestimmt haben sie die diversen Besucher immer wieder darum gebeten, doch bitte nicht über den Aufbau, sondern über mein Deck zu gehen.

In den anderen Häfen war aber alles okay, und meine Süßwasserdusche bekomme ich nach den Törns regelmäßig. Neulich gab es dann zur Abwechslung  eine Salzwasserdusche fürs Vorschiff, und zwar von innen! Unglaublich so etwas. Mensch Leute, wir sind hier doch nicht auf dem Werdersee! Da war ich zwar noch nicht, aber ich stelle mir vor, dass es da wesentlich kleinere Wellen gibt, als auf der Biskaya.  Ich vermute, dass die Luken in Zukunft auf See geschlossen bleiben. Die beiden haben jedenfalls gute Vorsätze, so wie ich es mitbekommen habe.

Wir haben also die Biskaya überquert, und bis auf den kleinen Zwischenfall war alles prima. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal so viel Wasser unter dem Kiel gehabt zu haben! Manchmal zählt jeder Zentimeter, und hier hatte ich mehr als verschwenderische  5.000 Meter zur Verfügung.

Geankert haben wir auch schon, macht sich gut der neue Anker. Obwohl es eigentlich keine richtige Bewährungsprobe war: geschützte Bucht und kaum Wellen. Mal sehen, wie es mit ihm klappt, wenn er wirklich gefordert wird. Hallo, du da vorne am Bug - ich zähl auf dich!

Es ist also alles soweit paletti. Wobei ihr aber bitte nicht glauben sollt, dass bei uns an Bord 24 Stunden lang die Sonne scheint! Ab und zu kracht es zwischen den beiden, das kann ich euch sagen. Neulich hat einer unserer zahlreichen neuen Bekannten gesagt: "An Bord zählt jedes Jahr Partnerschaft wie zwei Jahre an Land." Ihr kennt das ja wahrscheinlich: "In einer Ehe kämpft man zunächst um die Vorherrschaft, dann um die Gleichberechtigung und später ums nackte Überleben." :-) Fragt mich jetzt nicht, wer von den beiden gerade in welcher Phase steckt - das ist nämlich nicht eindeutig zu sagen. Aber eines ist ganz sicher: Wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen. Da kann ich mich auf die beiden verlassen.

Bei uns wird es jedenfalls nicht langweilig, und ich bin gespannt, was wir noch alles erleben werden!

Die Amazone meldet sich wieder zu Wort:

Habe ich da gerade gehört "Land in Sicht!"? Ja, und es war auch nicht zu überhören! Also ist unser bisher längster Törn bald zu Ende, und wir sind in Porto Santo (Madeira). Eigentlich schade, dass wir schon da sind, hat mir richtig Spaß gemacht. Was ich auf meine alten Tage noch alles erleben darf! Ihr glaubt es ja nicht. Wir segeln jetzt in ganz ungewöhnlich blauem Wasser. Ja wirklich! So etwas von einem phantastischen Blau habe ich noch nie gesehen! Es war auch wieder unheimlich viel davon unter meinem Kiel, mehr als 5.000 Meter. Komisches Gefühl. Und allmählich wird mir auch ein bisschen warm um den Kiel. Und dann erst dieser Sternenhimmel, so wunderschön, wie ich es mir gar nicht hätte vorstellen können.

Endlich hatten wir auch herrlichen Wind, und ich konnte mal so richtig aus mir herauskommen. Diesmal hat der Skipper sich aber auch etwas ganz Besonderes für mich ausgedacht. Zur selben Zeit gleich zwei Vorsegel hat er gesetzt, eins an Backbord, eins an Steuerbord. Hatte mich schon gewundert, dass sie einen zweiten Fockbaum angeschafft haben. Man, hat er da lange rumgetüddelt. Echt super, wie es dann funktioniert hat. Wie ich es mitbekommen habe, segeln wir irgendwann ganz lange in dieser Aufmachung. Ich sag's ja - es gibt selbst für mich immer noch Überraschungen.

Und ganz zum Schluss unseres langen Törns war es schon stockfinster. Da haben wir Besuch bekommen, von Flipper und seinen Freunden! Das sah so schön aus, wie sie um mich herum durchs Wasser geschossen sind! Sie haben im Wasser eine Leuchtspur hinterlassen, und einmal ist ein Delfin aus dem Wasser gesprungen - das ganze Tier hat geleuchtet! Uaah, im Dunkeln sind wir auf dieser Reise bisher auch noch nirgends angekommen. War aber nicht schlimm, der Skipper war sich seiner Sache sehr sicher, nur Antje machte einen etwas angespannten Eindruck. Aber ich komme schon wieder ins Plaudern...

Mein Motor hat sich ja bisher das eine oder andere Mal ziemlich reingehängt. Allerdings unfreiwillig. Ich glaube, er ist deshalb ein bisschen, na sagen wir mal - verstimmt. Aber was glaubt er denn, was hier sein Job ist, nur grün sein und gut aussehen? Er bekommt jedenfalls jede Menge Zuwendung und Aufmerksamkeit, der soll sich mal nicht so haben.

Vor ein paar Tagen habe ich Post von der "Pirol" bekommen! Wie schön, dass mir auch mal jemand schreibt. Wer freut sich nicht über liebe Grüße? Aber sie war auch etwas besorgt um mich, dass ich vielleicht "verloddert" wieder nach Hause kommen könnte. Da konnte ich sie aber beruhigen. Bis jetzt ist alles paletti. Die beiden kümmern sich ganz rührend um mich. Allerdings befürchte ich, dass es so "sweet, soft and lazy" wie bisher nicht immer weitergehen wird. Jedenfalls habe ich schon Gespräche mitbekommen, dass unser Rückweg im nächsten Jahr die eigentliche Herausforderung sei. Die eine oder andere Schlacht werde ich also noch zu schlagen haben, und das sieht man mir dann vielleicht auch an. Aber wie ich meine Leute kenne, wird das nach unserer Rückkehr bestimmt wieder in Ordnung gebracht.

Aber jetzt kommt der Hammer: Wir haben die erste Nacht hier geankert und sind gerade in die Marina gefahren. Und wer liegt hier schräg gegenüber von uns am Steg? Die Ex-"Pirol"! Also die Vorgängerin der jetzigen. Unglaublich, oder? Das muss ich der "Pirol" und ihren Leuten sofort schreiben!

Wie dem auch sei, wir drei sind weiterhin fröhlich unterwegs! Ich melde mich wieder!

 

Die Ex-Pirol in Porto Santo - sie heißt jetzt "Freya" und ist auf dem Weg zu ihrem neuen Heimathafen auf Gran Canaria:

 

 

Die Amazone meldet sich zu Wort:

Es ist jetzt schon viele Seemeilen her, dass ich mich gemeldet habe, jetzt wird es mal wieder Zeit. Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt! Gerade haben wir unseren 800-Seemeilen-Törn von Teneriffa zu den Kap Verdischen Inseln beendet. Ach, wie wunderbar es war, mal wieder Seeluft zu schnuppern. Ich konnte endlich mal wieder den Wind in den Segeln spüren, die Gischt umspielte meinen Bug und die schier unendlich scheinende, sanfte Atlantikdünung rollte unter meinem Bauch hindurch. Sogar meine neuen Freunde, die Delfine, waren wieder zu Besuch und haben mich ein bisschen am Kiel gekitzelt.

Die Beiden haben mich ja ziemlich beladen, meine Güte. Tasche für Tasche wurde angeschleppt. Dachte schon, das nimmt ja gar kein Ende, und wo soll das alles bleiben? Aber sach mal nix - sie haben alles sehr ordentlich verstaut. Mir war da schon klar, dass wir wieder etwas Größeres vorhaben. 800 Seemeilen nonstop, das hatten wir bisher noch nicht. Bin gespannt, was als nächstes kommt. Ich glaube, da ist noch etwas im Gange. Und das werden wohl noch mehr als 800 Seemeilen.

Bevor wir im Juni zu diesem Abenteuer aufgebrochen sind, haben wir eine Wochenendbeziehung geführt. Am Freitag kamen die Beiden mit Taschen und Kisten an Bord, und wir haben uns gemeinsam amüsiert. Am Sonntag war dann meistens wieder Schluss damit. Alle Taschen und Kisten wurden wieder gepackt, Antje hat mir zum Abschied immer noch einmal über den Bugkorb gestrichen und ein "Mach's gut, bis bald!" zugeraunt, und dann war ich wieder allein. Während die Beiden wohl noch so eine Art Nebentätigkeit haben und damit die Zeit während der Woche ausfüllen, bin ich dazu verurteilt, mich zu Tode zu langweilen. Montags geht es meistens noch. Da ruhe ich mich vom Wochenende aus. Dienstags und mittwochs schnacke ich ein bisschen mit "Tomma" und "Ali Baba". Das sind meine netten Stegnachbarn. Am Donnerstag geht uns der Gesprächsstoff allmählich aus, und am Freitag freue ich mich, wenn die Beiden endlich wieder auftauchen.

Jetzt führe ich ein anderes Leben - das süße Leben einer Herumtreiberin. Die Gefahr, mich zu Tode zu langweilen, besteht jedenfalls nicht mehr. Aber die Weser bleibt meine Heimat, und ich mag die Nordsee mit ihrem rauen Gesicht, den kurzen steilen Wellen und dem steifen Nordwest (auch wenn es bei den Türmen manchmal zum Verzweifeln ist!). Irgendwann schließt sich hinter mir das Tor der Doppelschleuse in Bremerhaven, und ich zuckel durch den Fischereihafen zu meinem Liegeplatz im WVW zurück. "Tomma", "Ali Baba" und all die anderen werde ich dort wiedersehen. Wir werden uns sehr viel zu erzählen haben - auch noch donnerstags.

Donnerstag, 01.01.2015

 

Die Amazone meldet sich zu Wort:

Was ist eigentlich die Steigerung von "Klotzen"? Nach unserem 800-Seemeilen-Törn von Teneriffa zu den Kap Verden hatte ich ja angemerkt, dass hier geklotzt und nicht gekleckert wird. Aber was die beiden dann mit mir angestellt haben, stellt wirklich alles bisher Dagewesene in den Schatten! Ganze 17 Tage und Nächte sind wir nonstop unterwegs gewesen. Da haben sie mir ja ganz schön was zugetraut und zugemutet! Ich bin noch ganz gut in Form für mein Alter, aber 2.100 Seemeilen in einem Rutsch - das war eine Menge Wasser vor meinem Bug. Die beiden sind ja zu zweit und können sich abwechseln, aber wer löst mich eigentlich ab? Weiter immer weiter ging es, immer die Wellen rauf und wieder runter. Manchmal quälend langsam, aber meistens doch ganz flott. Und gekitzelt hat es an meinem Bauch, fast die ganze Zeit. Kaum zum Aushalten war das. Das kam von diesem Seegras, durch das wir gefahren sind. Und dann hat sich irgendwer an mir festgesaugt. Ich glaube, das waren Muscheln. Und jede Nacht gab es Besuch von Fliegenden Fischen. Die armen Kerle hatten sich in der Dunkelheit vertan und sind bei mir an Deck gelandet. Und ich habe einen neuen Freund, den Peter. Zuerst habe ich mich mit ihm ein bisschen schwer getan. Im letzten Winter ist er einfach so an meinem Spiegel angebolzt worden. Ist, ehrlich gesagt, optisch kein Gewinn. Aber was soll's, er ist schon in Ordnung und macht seinen Job wirklich gut und hält mich wacker auf Kurs.

Wir hatten eine ganz schöne Zeit da draußen auf dem Atlantik. Aber auch der längste Törn geht irgendwann zu Ende, es kam Land in Sicht, und wir waren in der Karibik angekommen. In einer sehr schönen Bucht fiel unser Anker, und ich habe hier sogar ein paar Bekannte wieder gesehen. Ingo und Antje haben dann gleich noch ein bisschen an mir herumgefummelt und die Muscheln abgepuhlt. Und dann war aber auch irgendwann gut und wir sind schlafen gegangen. Ich war wirklich platt, das kann ich wohl sagen.

Am nächsten Tag haben zum ersten Mal Weihnachtsmänner meinen Salon bevölkert. Aus den Lautsprechern schallte Glockengeläut und ein ums andere Mal "Hallelujah!". Was ich alles mitmachen muss,  merkwürdige Zeiten.

Jetzt ruhe ich mich hier schon ein paar Tage aus, bin wieder ganz fit und gespannt, was die beiden als nächstes auf dem Zettel haben.

Auf jeden Fall wünsche ich allen Land- und Wasserratten ein schönes neues Jahr!

Donnerstag, 19.03.2015

 

Fühlt ihr euch manchmal, klein, hässlich und unbeachtet? Steht ihr im großen Schatten eines Anderen, glaubt ihr der Knochen zu sein und jemand Anderes ist immer der Hund? Tag für Tag macht ihr eure harte, schwere Arbeit ohne Murren und Knurren, doch auf ein nettes Wort, ein Lob oder gar Anerkennung wartet ihr vergebens? Grau und trist ist euer Alltag und ihr würdet so gern mal die Wahrheit sagen? Es endlich einmal herausschreien, wie gemein und niederträchtig ihr es findet, dass eure Anwesenheit als selbstverständlich und nicht weiter erwähnenswert angesehen wird? Habt ihr auch manchmal die Nase voll, wenn die einzige Aufmerksamkeit, die ihr bekommt, Hohn und Spott ist? Geht euch auch manchmal die Luft aus? Ich glaube, ihr wisst, was ich meine.

Wird Zeit, dass ich mich vorstelle: Ich bin das Schlauchboot, das Dinghy, das Anhängsel an der Amazone. Die Gummiwurst, wie ich auch genannt werde. Mir einen Namen zu geben, hat bisher niemand für nötig gehalten. Es gibt mich, weil man mich braucht. Punkt. Zugegeben, ich bin nicht das größte, genau genommen sogar fast immer das kleinste am Dinghy-Dock. Aber auf mich ist Verlass! Wie würden die Herrschaften denn vom Ankerplatz an Land und wieder an Bord kommen, ohne mich? Wer transportiert denn die vielen Einkäufe und Kanister? Wer scheuert sich denn fast wund an den rauen Dinghy-Docks, wird  hin und her geschubst und wartet geduldig in der sengenden Sonne? Rechts und links von mir all die großen, prächtigen Schlauchboote, manche sogar mit richtiger Sitzbank mit Rückenlehne und einem in der Sonne glänzenden Steuerrad.

Und das sind nicht immer angenehme Nachbarn. Neulich sagte doch einer ganz unverblümt zu mir: "Dass Dich deine Leute hier anschließen, ist ja eigentlich überflüssig. Wer sollte Dich schon klauen? Mit Dir kann doch keiner etwas anfangen." Das war hart und auch gelogen, da musste ich erst mal schlucken. Fast hätte ich mich dazu hinreißen lassen, auf diesem Niveau zu antworten, aber ich weiß ja, was sich gehört.

Also, Antje und Ingo - auch wenn mich noch nie jemand danach gefragt hat und ich auch nicht weiß, ob es hier jemanden interessiert: Ich finde es schön, mit Euch unterwegs zu sein! Das Wasser ist so herrlich türkis und warm, ich muss nicht frieren und habe schon viele nette Bekanntschaften an den Schlauchbootstegen gemacht. Es gibt ja immer so'ne und solche. Ich fahre Euch und Eure Sieben Sachen bei Wind und Wellen gerne hin und her.

Schließt mich bitte immer schön an. Vielleicht ist ja doch mal einer scharf auf mich, und ich würde so gerne mit Euch weiterreisen und möglichst wieder nach Hause kommen. Oft weiß man etwas erst zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist. Wäre doch schade, wenn es Euch mit mir so gehen würde.

Eure Kleine Gummiwurst

 

Das zweite von unten ist unser sehr geschätztes Dinghy:

 

 

Dienstag, 21.04.2015

Die Amazone meldet sich mal wieder zu Wort:

Nachdem sich neulich die kleine Gummiwurst, diese Wichtigtuerin, hier ausgeheult hat, will ich auch mal wieder etwas von mir hören lassen. Als ich mich das letzte Mal zu Wort gemeldet habe, hatten wir gerade unsere erste Atlantiküberquerung hinter uns und waren glücklich auf Tobago in der Karibik angekommen. Um es mal so zu sagen - mir gefällt es hier! Ich hätte nie gedacht, dass es Wasser gibt, dass so eine wunderschöne Farbe hat. Türkis heißt sie und schimmert unglaublich schön. Es ist gerade so, als wenn ich in einem großen Swimmingpool schwimmen würde. Aber es ist Vorsicht geboten! So harmlos wie ein Schwimmbecken sind die schönen Buchten leider nicht. Hier wachsen nämlich ganz eigenartige, scharfkantige Hindernisse unter Wasser - Korallen. Sie sehen zwar toll aus, aber der Skipper hält mich immer schön fern von ihnen, sonst könnte es sehr böse enden für mich und für meine Leute natürlich auch. Auf jeden Fall ist das Wasser herrlich warm, viele bunte Fische und sogar Schildkröten habe ich schon gesehen.

Und manchmal, wenn wir irgendwo angekommen sind, kamen lustige junge Männer in bunt bemalten kleinen Booten angebraust und wollten uns irgendetwas verkaufen. Einmal, es war an einem Sonntag, bekamen wir auf diese Weise leckeres Brot geliefert.

Meistens liegen wir irgendwo ganz gemütlich vor Anker, manchmal auch in einer Marina. In manchen Buchten ist es ganz einsam, da ankern wir dann allein - sehr romantisch. Oft sind aber noch andere Boote in der Nähe. Kaum zu glauben, wie viele Boote mit zwei Rümpfen hier unterwegs sind. Sie sind weiß, sehr groß, viele blasse Menschen sind darauf und sie haben es immer eilig. Voll Speed durchs Ankerfeld und am nächsten Morgen in aller Frühe weiter. Wir lassen es da ein wenig ruhiger angehen. Aber neulich war ganz schön etwas los an Bord und das mitten in der Nacht. Bei einem anderen Boot hatte der Anker nicht gehalten, so dass es zu mir getrieben wurde und an meinem Bugkorb gekratzt hat. Ich habe es kommen sehen, und als es dann gescheppert hat, waren meine Leute auch schon an Deck und haben sich gekümmert. Das ist zum Glück aber erst einmal passiert. Reicht aber auch. Unser Anker hat uns bisher keinen Kummer gemacht. Im Gegenteil, er macht seine Sache richtig gut.

Wisst ihr was? Ich bin ein "Nice boat!". Ich weiß zwar nicht so genau, was das heißt, aber es muss etwas Schönes sein. Meine Leute strahlen jedes Mal übers ganze Gesicht, wenn es jemand zu mir sagt.  

Meinetwegen könnte es ewig so weitergehen. Aber es ist wieder etwas im Busch! Ich bin nämlich voll - randvoll - mit Lebensmitteln, Wasser und Diesel. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, ist das schöne, faule Leben unter Palmen bald vorbei. Ein langer Törn steht wieder an und ich freu mich schon drauf! Wird mal wieder Zeit, sich ein bisschen länger zu bewegen. Ich glaube, wir segeln nach Hause. Na ja, nach Hause ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Bis wir zu Hause sind, dauert es noch, aber Meile für Meile kommen wir Bremerhaven näher. Mal sehen, was wir auf unserer Tour noch alles erleben - ich bleibe dran und melde mich wieder!

 

Und so könnt ihr euch das vorstellen - ich ganz allein zwischen all den Korallen in dem türkisen Wasser:

Donnerstag, 16.07.2015

Die Amazone meldet sich mal wieder zu Wort:

Es ist schon fast drei Monate her, dass ich mich gemeldet habe. Drei aufregende, anstrengende und bunte Monate waren das. Ich hatte ja vermutet, dass das süße, warme Leben in der Karibik irgendwann zu Ende gehen könnte und ich die vielen Seemeilen wieder zurück segeln muss. Habe mal wieder recht gehabt. Erst haben die beiden unglaublich viel eingekauft, weitere Dieselkanister kamen an Bord, alles mögliche wurde kontrolliert, geputzt und gewaschen. Kurzum, es herrschte sehr geschäftiges Treiben bei uns. Aufbruchstimmung machte sich breit, die kleine Gummiwurst wurde zusammengerollt und verstaut, der Anker wurde ein letztes Mal aus dem weißen Sand aufgeholt, und dann war der Moment des Abschiednehmens da: Good bye Karibik. Das war eine merkwürdige Stimmung bei den beiden. Hätte nur noch gefehlt, dass einer angefangen hätte zu heulen.

Einige Tage waren wir schon ganz gut unterwegs, als sich uns plötzlich mitten auf dem weiten Meer ein Hindernis in den Weg gelegt hatte. Ich hatte gerade so ein bisschen vor mich hin gedöst und schon an den nächsten Ankerplatz gedacht, wo ich mich ausruhen und einige meiner neuen Bekannten treffen würde. Da taucht doch so mir nichts dir nichts ein riesiger Wal vor mir auf! Liegt der da faul und unbeweglich genau auf meinem Kurs! Unglaublich. Zum Glück kam gerade eine Welle, die mich fast über ihn weggehoben hat. Ganz habe ich es aber nicht geschafft und ihn mit meinem Ruderblatt erwischt. Ist nochmal gutgegangen, aber der Schreck ist mir ganz schön in die Spanten gefahren. Und wie der mich angestarrt hat! Na ja, vielleicht hat er auch gerade gedöst und sich erschreckt. Wir sind aber dann gut angekommen auf dieser Insel, die so heißt, wie die kurzen Hosen, Bermuda. Einige meiner Kumpel waren schon da, das gab vielleicht ein Hallo! Ein Rufen und Winken war das, herrlich! Ein paar schöne Tage in netter Gesellschaft hatten wir da. Das Wasser war aber schon nicht mehr so schön warm und türkis.

Nach ein paar Tagen ging es auch schon wieder los. Viele Leute haben uns zum Abschied gewunken und manche haben sogar ganz laut getutet, und schon waren wir wieder auf dem großen, tiefen Wasser unterwegs. Wir kamen ganz gut voran. Manchmal, wenn der Wind fehlte, musste der Volvo ein bisschen mithelfen. Aber das Schlimmste war, dass es immer kälter wurde. Nicht eisig kalt, aber eben nicht mehr so schön warm, wie ich es in den letzten Monaten gewohnt war. Irgendwann hatten wir es geschafft und diese Inseln erreicht, die mitten im Atlantik liegen. Wie heißen die noch? Ach ja, die Azoren.

Allmählich hätte es mit den langen Strecken auch mal gut sein können. Aber nein, die nächste Etappe war auch noch mal sehr, sehr lang - und anstrengend. Manchmal nur wenig oder gar kein Wind, und der Volvo musste sich dann voll reinhängen. Brumm, rappel, vibrier, nerv. Irgendwann war es tatsächlich geschafft. Der Anker fiel in sehr kaltes, gar nicht türkisfarbenes Wasser. Wie hießen diese Inseln noch gleich, kurz vor England? Ja genau, die  Isles of Scilly.

Hier gab es auch nur eine kurze Verschnaufpause, es ging fröhlich weiter von Hafen zu Hafen. Aber nur noch kurze Strecken. Immer schön gemütlich an der Küste lang.  Das ist aber auch nicht langweilig. Gestern zum Beispiel ging es über den Ärmelkanal, wie ein gehetzter Hase zwischen den ganz dicken Pötten durch. Immer schön mit ganz viel Abstand, aber trotzdem. So viel Verkehr bin ich gar nicht mehr gewohnt.

Unsere schöne und lange Reise geht jetzt bald zu Ende. Noch sechs oder sieben Häfen, dann schwimme ich wieder im Weserwasser! Oh wie ich mich schon auf meine Box in Bremerhaven freue! Unterwegs zu sein ist ja ganz schön, aber nach langer Zeit nach Hause kommen ist mindestens genauso schön!